VERLORENE ZEIT

DIE WOCHE · Nr. 50 · 09. Dezember 2012
Die syrische Christin Sara M. wartete in Deutschland 13 Jahre lang auf ihre Anerkennung. Nun half ihr der Krieg

Sie setzte alles auf eine Karte. Die Zukunft dankte es ihr nicht. 1999, ein Jahr vor der Machtübernahme des Diktators Baschar al-Assad, floh Sara M. aus Syrien. Sie verließ Haus, Familie, Arbeit und begab sich auf eine 13-jährige Odyssee. Zunächst brachte ein Schlepper Sara für 4000 Dollar nach Ägypten, dann ging es weiter nach Spanien, Jordanien, wieder nach Ägypten, Deutschland, Schweden und wieder Deutschland. Nach einer zermürbenden Wartezeit in bayerischen Asylbewerber- und Übergangsheimen erhielt sie im Frühling 2012 eine befristete Aufenthaltserlaubnis in Deutschland. Ich wusste erst nicht, wohin ich komme«, erinnert sich Sara. Ursprünglich wollte sie nach Schweden, zur Familie der Mutter, obwohl sie ihre Verwandten gar nicht kannte. »Vielleicht haben sie Respekt vor mir«, so ihr Gedanke damals. In Schweden gefi el es ihr, doch sie wurde entdeckt, musste zurück. Dann begann das jahrelange Warten auf Anerkennung. »Man verliert die Zeit«, sagt sie.

Der Krieg in Syrien hat Saras Asylgesuch schließlich unterstützt. Durch die brisante Lage in ihrer Heimat wurde ihr das Aufenthaltsrecht zuerkannt. Bis Juni 2015 darf sie nun in Deutschland bleiben und arbeiten. Ins Ausland reisen, etwa nach Schweden, kann sie nicht: Ihren Pass musste sie dem Schlepper geben, der sie aus Syrien brachte. »Ohne syrischen Pass kann ich nicht reisen«, sagt Sara. Einen neuen bekommt sie aber nicht so leicht. Schließlich ist sie aus Syrien geflüchtet.

Bereits zu Zeiten des Diktators Hafi z al-Assad, dem Vater Baschars, war sie als syrische Christin benachteiligt worden, erklärt Sara M. Ende der 90er-Jahre war für die damals 29-jährige Lehrerin die Lage in ihrer Heimat unerträglich geworden. »Ich lebte alleine«, erzählt sie, »und galt deshalb als große Schlampe «. Sara wollte nie heiraten, weil ihr Vater gewalttätig gewesen sei. Das habe sie abgeschreckt. Als die Mutter mit 55 Jahren starb, wies der Vater seinen vier Töchtern und drei Söhnen die Tür. Das war ein Jahr vor Saras Flucht. »Ich wollte nicht bleiben in diesem Land«, erklärt sie.

Probleme hatte sie nicht nur mit der Familie, sondern auch mit der Politik. »Es gibt keine Demokratie, zu viel Korruption«, sagt sie. Wer etwas braucht, muss zahlen. Dazu kamen Benachteiligungen wegen ihrer Religion: »Die Moslems lieben die Christen nicht«, sagt sie. Ihren Job an der Schule musste sie eines Tages an eine muslimische Lehrerin abgeben. Sara war leidenschaftlich gerne Lehrerin, unterrichtete in Syrien alle Fächer von der ersten bis zur sechsten Klasse, darunter auch Arabisch. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, leuchten ihre Augen, dann lebt die 43-Jährige auf und sagt: »Ich will wieder in meine Schule«. Jetzt geht Sara selbst zur Schule, um die deutsche Sprache zu lernen. Doch sie verliert schnell die Konzentration. »Ich bin müde, kann nachts nicht schlafen«, klagt sie. Das Warten, die Unsicherheit, das Leben in den Heimen haben sie ausgelaugt: »Ich habe mich verändert.« In Syrien sei sie ein aktiver Mensch gewesen. Nach beinahe 14 Jahren Warten sei sie »fertig«. Selbst die Aussicht auf eine eigene Wohnung freue sie nicht.

»Die Moslems lieben die Christen nicht«: Sarah M. – die unerkannt bleiben möchte – floh Ende der 90er- Jahre aus Syrien. 13 Jahre später wurde ihr Asylgesuch anerkannt. Nun sucht sie eine Wohnung.
Foto: Christina Bleier


Sara kann noch nicht glauben, dass ihr Leben einmal leichter wird. Zurzeit wohnt sie in einem Übergangsheim in Augsburg mit gemeinschaftlicher Küche, Dusche und Toilette. Die zweistöckigen Holzreihenhäuser auf einer Wiese nahe den Abstellgleisen des Hauptbahnhofs gelten als die beste Flüchtlingsunterkunft in der bayerischen Großstadt. Sara lebt in der dritten Reihe, nahe dem Büro der diakonischen Flüchtlingsberatung und Hilfsorganisation »Tür an Tür«, die ihr zur Seite steht und bei der Wohnungssuche hilft. In Saras Zimmer stehen ein Bett, ein Schrank, ein Fernseher auf einer schmalen Kommode, ein Tisch. Die Koffer scheinen gepackt, alles wirkt wie auf Abruf. Sara hat keine Freunde hier. Das Zusammenleben im Heim ist konfl iktreich. Auch die Lage in ihrer Heimat macht Sara zu schaffen. Dort laufe das Blut auf die Straßen, sagt sie. Wünsche hat sie keine. Frieden, ja das wäre schön, Freude und Wohlergehen für alle. Den Sohn ihrer Schwester würde sie schon gerne wiedersehen, verrät sie. »Komisch «, sagt sie nachdenklich: »Ich weiß zwar nicht, welcher Tag, welcher Monat gerade ist. Aber in Syrien gibt es einen Tag für Lehrer. Den vergesse ich nie.«

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