TSCHAIKOWSKYS »FATUM«

Augsburger Allgemeine Zeitung · Nr. 256 · Feuilleton 13
Mittwoch, 6. November 2013

120. Todestag · Der Komponist soll schwul gewesen sein? In Russland wird das von offizieller Seite geleugnet

Augsburg Düstere Worte gingen der Uraufführung von Peter Iljitsch Tschaikowskys sinfonischer Fantasie »Fatum« voraus: »Weißt Du, was der greise Melchisedek gesprochen hat, als er vom Leben Abschied nehmend, im Sterben lag? Als Sklave wird der Mensch geboren, als Sklave sinkt er auch ins Grab. Der Tod, der wird ihm auch nicht sagen, wozu, warum er dieses lange Thränenthal durchwandert und weshalb er gelitten, geduldet, geweinet hat – und nun verschwinden muss.« Die Verse Konstantin Batjuschkows waren auf der Konzertankündigung abgedruckt – »eine Aufmerksamkeit, welche die Direktion der Russischen Musikgesellschaft den Werken von Liszt und Berlioz seinerzeit nicht angedeihen ließ«, schrieb Hermann Laroche süffisant in seiner Besprechung der Moskauer Premiere. Der gefürchtete Rezensent war ein Bewunderer Tschaikowskys, mit seiner Kritik am »Fatum« dennoch nicht zimperlich: »Eher an eine Schlacht, einen gewaltsamen Aufstand« gemahne das Stück als an den »dumpfen Monolog der Verzweiflung« in Batjuschkows Lyrik. Der Komponist vernichtete das Manuskript. Das »Fatum« jedoch blieb: Auch seine 4. Sinfonie trug den Schicksalsnamen. Dahinter könnte Tschaikowskys Homosexualität stehen. Zeitlebens litt er unter dem Konflikt zwischen seiner Neigung und dem Zwang, sie zu verheimlichen. »Ich muss das tun«, nämlich heiraten, teilte Peter Iljitsch seinem ebenfalls homophilen Bruder Modest mit: Die Ehe mit Antonina Iwanowna Milijukowa, geschlossen am 18. Juli 1877, wurde ein Fiasko. »Er litt überall«, schrieb Klaus Mann: »Nicht nur sein Eros isolierte ihn, machte ihn zum Außenseiter, fast zum Paria; auch die Art seines Talents, sein künstlerischer Stil war zu gemischt, zu schillernd, zu kosmopolitisch, um irgendwo ganz goutiert zu werden. In Russland galt er als westlich«.

Das Gerücht vom unfreiwilligen Freitod

Als Tschaikowsky nach dem gregorianischen Kalender am 6. November 1893 – also heute vor 120 Jahren – starb, entstand das Gerücht vom unfreiwilligen Freitod. Der Komponist sei, um einen Skandal zu vermeiden, von einem »Ehrengericht« gezwungen worden, Gift zu nehmen, weil er einem jungen Hochadligen »besondere Aufmerksamkeit« schenkte, raunte man. Laut dem derzeitigen russischen Kulturminister Wladimir Medinski gibt es aber keine Beweise, dass Russlands Vorzeigekomponist homosexuell gewesen sei. Allerdings wurden bis 1995 rund 250 Briefe Tschaikowskys von der russischen Regierung unter Verschluss gehalten, in denen seine Neigung deutlich zum Ausdruck kommt. Anfang Juni 2013 unterzeichnete Wladimir Putin das umstrittene Gesetz gegen die »Homosexuellen-Propaganda«. Positive Äußerungen darüber in Anwesenheit Minderjähriger und via Medien sind nun strafbar. Im August wurde einem bekennenden Homosexuellen aus Russland der Flüchtlingsstatus in Deutschland zuerkannt, meldet »Quarteera e.V.« aus Berlin, ein Verein für russischsprachige Schwule und Lesben in Deutschland. Derzeit überarbeitet das russische Parlament den Gesetzesentwurf über den Entzug des Sorgerechts aufgrund der nichttraditionellen sexuellen Orientierung. »Eine schlimme Tendenz«, findet auch der Komponist Sergej Newski: Die unklare Formulierung des Gesetzes könne viele betreffen. Der gebürtige Moskauer lebt in Berlin. Natürlich weiß man in Russland, dass Tschaikowsky homosexuell war, sagt er. Probleme gibt es, sobald sich jemand öffentlich zur Homosexualität bekennt. Zusammen mit dem norwegischen Komponisten Arnt Haakon Anesen hat Newski »Rules of Love« für Stimmen und Ensemble komponiert, das auch kurz die Homosexualität thematisiert. »Rules of Love“ wurde in sechs russischen Städten aufgeführt, die Premiere fand in einer protestantischen Kirche in Petersburg statt. Nur eine unabhängige Kulturinstitution wollte »mit dem Projekt im Voraus nichts zu tun haben«, erzählt Newski. In der Ukraine, Russlands Nachbarstaat, ist Homosexualität seit 1991 »legal« – früher als hierzulande: In Deutschland wurde der berüchtigte §175 erst 1994 gestrichen. Immerhin ist in Russland durch die künstlich gezüchtete Homophobie inzwischen eine öffentliche Diskussion entstanden.

Sein Leben in Kürze
● Geboren wurde Pjotr Iljitsch Tschaikowsky am 7. Mai 1840 in Kamsko-Wotkinski Sawod; er starb überraschend im Alter von 53 Jahren am 6. November 1893 in St. Petersburg.
● Schaffen
Tschaikowsky komponierte Opern wie »Eugen Onegin« und »Pique Dame“, beide nach Puschin. Berühmt ist er neben seinen zahlreichen Orchester-, Chor- und Klavierwerken vor allem durch sein Schaffen fürs Ballett: »Schwanensee«, »Dornröschen« und »Nussknacker«. Zudem arbeitete Tschaikowsky auch als Musikkritiker – hart zu Bach, Beethoven, Verdi, lobend zu Grieg, Berlioz, Bizet.

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