AM FLÜGEL ÜBERS MEER

Augsburger Allgemeine | 22. Juni 2013 | Feuilleton/Lokales

Als ich beim Aussteigen aus der Münchner S-Bahn von drängelnden Einsteigern fast überrannt werde, stellt sich mir das Gefühl ein, nach Hause gekommen zu sein. Da erst wird mir bewusst, wie höflich der Ton an Bord stets gewesen ist. Unser Lebensraum war auf 122 Meter Länge und 18 Meter Breite begrenzt, klare Regeln, ein Common Sense im Miteinander waren für die Crew an Bord dein Muss. Denn außerhalb dieser »vier Wände« gab es nur Wellen, Gischt, endlos Wasser.

Zurück lagen zwei Wochen auf einer anderen Welt, als Bordpianist der 125-köpfigen Mannschaft auf dem Luxus-Expeditionsschiff MS Hanseatic mit 184 Gästen von Marokko bis Bremerhaven. Abgelegt wurde in Teneriffa, das die Crew am letzten Schultag – laut Durchsage des Jetpiloten »Großkampftag« auf den Flughäfen Deutschlands – aus verschiedenen Richtungen anflog. Am Morgen darauf gingen wir und tonnenweise Lebensmittel an Bord, ich erhielt zur »Einschiffung« Bordausweis und Schlüssel zur Bug-nahen Crewkabine 514, seit jeher die »Kajüte« der Hanseatic-Pianisten.
Gegen zwei Uhr waren Schiff und Belegschaft startbereit, bald darauf kamen die Gäste und Punkt fünf Uhr legten wir tutend ab. Es ist übrigens eine Legende, dass Ozeanpianist und Schiff am Ende in die Luft gesprengt werden. Die Sicherheit an Bord ist ein wichtiges Thema. Noch am ersten Abend erhalten Gäste und Crew – letztere nicht zum letzten Mal – Instruktionen für den Ernstfall und Rettungswesten zur Verwahrung in der Kabine.
Gegen Seekrankheit helfen die orangenen Schwimmhilfen allerdings nicht: Der Atlantik benimmt sich zum Einstand eine Nacht recht stürmisch, das Gerücht spricht – auch wenn die »alten Hasen« darüber lächeln – von immerhin sechs Metern Wellenhöhe. Mein Magen gibt dem recht und dreht sich um und nach einer kurzen Rutschpartie auf dem Klavierstuhl (der Steinway-Flügel ist übrigens mit einer Stange fest dem Boden verhaftet) fällt die dezente Live-Untermalung in der Bar »Observation Lounge« für diesmal leider aus. Die gute Nachricht: Der Körper gewöhnt sich mit der Zeit daran. Außerdem hat der Schiffsarzt wirksame Medikamente.

Das Leben mit dem Seegang ist auf Schiff selbstverständlich. Die Tische etwa haben an den Seiten hochziehbare Leisten, die ein Abrutschen verhindern. »Ich habe gelernt, die Suppe aus der Tasse zu trinken«, bemerkt die Dame von der Bord-Boutique lachend. Das war auf einer der Arktisfahrten gewesen, eine Spezialität der Hanseatic. »Man muss bei der Arbeit mit den Wellen gehen«, sagt die Bedienung am Abend und jongliert ihr Serviertablett mit bewundernswerter Geschicklichkeit durch die Rollbewegung. Auch am Klavier läuft es besser, wenn man im Einklang mit den Wellen spielt, sich einlässt auf das Heben und Senken. Es macht sogar regelrecht Spaß.
Das Meer zeigt sich seit heute Morgen außerdem von seiner Sonnenseite und schillert wie die Folien- Wasserattrappe der Augsburger Puppenkiste. Diese Cocktailstunde vor dem Abendessen in der »Observation Lounge« ist mein allererster Arbeitseinsatz. Leichtere Klassik und Operetten-Hits türmen sich zum Notenberg, manches aus dem Repertoire erntet »Szenenapplaus«. In dieser ersten Spielrunde des Abends hören viele Gäste aufmerksam zu, während sie aufs Meer blicken. Das Halbrund-Panorama hier auf dem obersten Deck an der Frontseite des Schiffes ist sensationell, manchmal in fantastische Sonnenuntergangsfarben á la Monet getaucht.
Als das Motorschiff auf seiner Route einen Abend lang auf der Seine fährt, links und rechts Wälder, Wege und vereinzelt ein herrschaftlicher Landsitz vorbeiziehen, ist fast jeder Clubsessel besetzt. Da die Stimmung heraus zu spüren und die passende Musik auszuwählen, weder zu leicht noch zu schwer, ist eine Herausforderung. Wünsche werden seltener geäußert, aber man spürt, ob etwas gefällt oder nicht. Das »Wolgalied« wird zum »Jeu fixe«, ebenso »O mio babbino caro«, Chopin-Walzer, Debussy und »Amélie«, Favorit des Barchefs.
Nach dem Essen gibt es »Musik nach Tisch«, so steht es täglich auf dem Tagesprogramm, leises Barpiano von »Autumn Leaves« bis Zarah Leander als Hintergrund zeitgleich zum Jazzangebot der Bordband in der »Explorer Lounge« am anderen Schiffsende, »bis der letzte Gast geht«, so die Anweisung meiner Vorgesetzten. Das ist in der Regel um Mitternacht der Fall: Meist sind für den Folgetag früh Ausflüge geplant.

Die Crew darf auch auf eigene Faust an Land. Vielgereiste – manche fahren jahrelang zur See – kennen die Häfen und Städte schon. Ich als Neuling spaziere, sehe, staune: am westlichsten Punkt Europas über die Bude »Die letzte Bratwurst vor Amerika«, in Malaga über Amphitheater aus der Zeit des Kaisers Augustus, in Rouen über die grandiose Kathedrale und quietschgelbe Badeente, als Souvenir nun fröhlich in meiner Augsburger Wanne treibend, über Antwerpens Rubenstriptychen und das Fuggerfenster, Amsterdams Blumenzwiebeln und Winterwunder-Weihnachtsshop, den Bilderbuchstrand der Algarve, Delfine, vom Kapitän mit sonorer Bassstimme angesagt, Heiratsantrag über Bordsprechanlage, Shanty-Konzert der Crew - Stop. Ein Erlebnis ist es doch, nachts im Bett im Rhythmus der Wellen gehoben zu werden und abwärts zu schweben. Wenn die Motoren flüsterleise werden, ist ihr Rauschen zu hören, ihr Brechen an die Schiffswand. Vieles wird unwichtig auf dem weiten, blausilbrigen Meer.

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