AUFHOLEN IN SIEBENMEILENSTIEFELN

Concerto Nr. 249 · Panorama
Alte Musik in Norwegen

Norwegens Kulturleben ist ein wenig außer Puste. Während die Musik im übrigen Skandinavien pulsiert, liegt Norwegen zurück, beeilt sich aber aufzuholen, und zwar von Anfang an auf Weltniveau. »Das gründet auf historischen Gegebenheiten«, weiß Halfdan Bleken, Musiker und Journalist (ein Kurzinterview mit ihm ist unter www.concerto-verlag zu finden). Schon seit 1380 kam die norwegische Kultur nicht mehr recht zur Entfaltung.

Erst 1905 konnte das Land die jahrhundertelange Abhängigkeit von Dänemark und Schweden überwinden. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der wirtschaftliche Aufschwung, und große Erdölvorkommen in der Nordsee bescherten Norwegen seitdem einen immer höheren Lebensstandard. In vielen Bereichen ist die einstige Heimat der Wikinger den meisten Ländern Europas auf vorbildliche Weise weit voraus. Musikalisch ist sie es noch nicht, aber es tut sich sehr viel, meint Rolf Sostmann. Der Kasseler Tenor ist Mitglied des Chores der 2008 eröffneten Osloer Oper, Norwegens einzigem Opernhaus. Es gebe sehr gute Nachwuchsarbeit, konstatiert Sostmann, es konzertieren und dozieren Musiker von Weltrang hier, und es gibt renommierte Festivals und Workshops mit internationalen Gästen. Berühmte Namen wie die der langjährigen Chefdirigenten des Osloer Philharmonischen Orchesters, Mariss Jansons und Herbert Blomstedt, haben eine ziemliche Sogwirkung entfaltet. Gleiches gilt für die Alte Musik. Unter seinem künstlerischen Leiter Gottfried von der Goltz hat das Norsk Barokkorkester, dem auch einige Philharmoniker angehören, die gern ›zweigleisig fahren‹, in dieser Spielzeit an der Oper eine Konzertreihe unter dem Jahresmotto ›1814‹ aufgelegt. An der ›Grieg Academy‹ in Griegs Geburtsstadt Bergen dozieren Lehrer für Cembalo, Pianoforte und Alte-Musik-Ensemblespiel, und es gibt zahlreiche Festivals wie die ›Middelaldermusikkdager‹ und die ›Konserter og kulturarrangementer i Oslo ladegård‹, außerdem Ensembles wie Bergen Barokk, das Trio Medieval und die 2005 gegründeten Barocksolisten unter der Leitung des norwegischen Geigers Bjarte Eike. So viele hervorragende Barockensembles für ein knapp fünf Millionen Einwohner zählendes Land, das sei erstaunlich, findet Rolf Sostmann. Alte Musik werde inzwischen mehr und mehr angenommen und zunehmend ›normal‹. Aus ganz Europa stammende Kirchenmusiker laden zu Aufführungen mit ihren kleinen Kirchenchören exzellente Sänger und Orchester ein und leisten so Pionierarbeit. Das Publikum wisse oft nicht, was es da sieht und hört, sagt Sostmann, aber dafür seien norwegische Hörer viel offener und ließen sich ein auf moderne wie auf Alte Musik: »Hier wird nicht gebuht.« Wenn die Aufführung nicht gefällt, geht man in der Pause. Auch das norwegische Radio zeigte früh Interesse an der Alten Musik: Von 1993 bis 2011 hatten Halfdan Bleken und sein Team jede Woche eine mehrmals wiederholte Halbstundensendung im Programm des Hauptsenders NRK P2. Das sei jetzt leider zu Ende, die Prioritäten hätten sich verlagert, bedauert Bleken, vor allem, dass es jetzt überhaupt keine speziellen Alte‑Musik‑Programme mehr gibt. Auch die Oper fährt gerade einen Sparkurs. Rolf Sostmann kann nicht verstehen, warum das Sparen Mode geworden ist. Einen wirtschaftlichen Grund gebe ist nicht, die Mittel seien eigentlich da; die Ressourcen würden selbst bei einer globalen Krise noch Jahrzehnte reichen.

Trotz aller Internationalisierung ist das nordische Königreich immer auch ein wenig provinziell geblieben. Das kulturelle Leben bleibt auf Zentren wie Oslo und Bergen konzentriert, die fast ein Fünftel der Einwohner Norwegens auf sich vereinigen. Norwegische Künstler bilden sich meist im Ausland und kehren – manchmal – zurück. Ketil Haugsand etwa lebte und lernte zuerst in Norwegen, setzte dann seine Studien in Prag, Haarlem und Amsterdam fort. Seit 19 Jahren ist er Professor für Cembalo an der Musikhochschule Köln: »So viel Zeit hatte ich, um alle meine Verbindungen in schöne Erinnerungen umzuwandeln.« Haugsand hat die Anfänge der historischen Aufführungspraxis in Norwegen erlebt und mitgestaltet. Eine Alte‑Musik‑Szene gibt es bereits seit ungefähr 1974, aber die Wurzeln liegen in Amsterdam, sagt er: »Wir waren ein paar Enthusiasten und haben etwas Schönes aufgebaut.« 1988 formierte sich in Trondheim das Norsk Barokkorkester aus professionellen Musikern mit alten Instrumenten; 1995 gastierte es mit Haugsand bei den Tagen Alter Musik in Regensburg. »Arvo Pärt hat es als sein Hausorchester verwendet«, erinnert sich der Cembalist, »das war eine gute Zusammenarbeit.«

Erstmals 1990 berief das renommierte Stavanger Symphonieorchester einen zweiten Dirigenten für Alte Musik, seit 2013 schult Fabio Biondi die Musiker in historischer Aufführungspraxis. Dieses Jahr gesellt sich Christian Vasquez dazu. In der Universitätsstadt Trondheim mit ihrem an Musikinstrumenten reichen Ringve‑Museum begründete Ketil Haugsand bereits 1977 jährliche internationale Sommerkurse mit Jaap Schröder als Geigenlehrer; inzwischen ist es einer der ältesten Workshops für Alte Musik in Europa. Für ihn, sagt Haugsand, war die Universität Trondheim immer ein wunderbarer Ort. Corinna Stamm braucht dorthin mit dem Flugzeug zwei Stunden; mit dem Auto sind es eineinhalb Tage. Die deutsche Kirchenmusikerin lebt und wirkt in Bardu, einer knapp 4.000 Seelen zählenden Kommune der Provinz Tromsø im Norden Norwegens. Jahr für Jahr im November geht hier die Sonne für zwei Monate unter, erzählt sie. In ihrer Kindheit las sie ein Buch über Nordnorwegen und fühlte sich sofort hingezogen zu diesem Land. Als sie Kirchenmusik studierte, sagte ihr eine Kollegin, dort würden Organisten gesucht. Sofort habe sie sich umgeschaut, zuerst in Bergen, und dann 1993 die Vollzeitstelle in Bardu bekommen. Durch die norwegische Staatskirche seien auch an kleinen Orten volle Stellen möglich. Schon während ihrer Studienzeit an der heutigen Universität der Künste (vormals HdK) in Berlin hatte sie einige Pioniere der Alten Musik kennengelernt und war fasziniert vom Cembalo, besuchte Kurse bei Bob van Asperen (»passive Teilnehmer gibt es nicht«) und Mitzi Meyerson. So sei sie in die Barockszene hineingerutscht, sagt Stamm, in einer Stadt, die damals noch wie eine Insel war. Seit sie in Bardu ist, verfolgt sie eine Aufführung der ›Matthäus-Passion‹‹ als höchstes Ziel. Aber es sei »vom Text her schwierig«, die Leute in Bardu müssten sich eben auch angesprochen fühlen, sagt sie. Aber singen könnten sie, Koloraturen »fast vom Blatt«. Den ›Messias‹ hat sie mit ihnen schon geschafft.

1995 gründete Corinna Stamm die Kantorei Bardu Barokk, ein Gesangsensemble, das möglichst historisch orientiert musiziert und von eingeladenen Orchestermusikern begleitet wird. Dabei kannten die Einwohner von Bardu anfangs Bach gar nicht. Die Gegend war früher Land der Lappen. Erst im 18. Jahrhundert zogen die Norweger her und brachten in ihrem Gepäck Lieder und Gesangbuch mit. »Ich kam in einen Ort, der hundert Jahre zurückliegt «, sagt die Organistin. Der letzte CD‑L aden im Umkreis von 300 Kilometern habe vor zehn Jahren geschlossen, deshalb sei sie nicht unbedingt auf dem neuesten Stand, was die Musik und speziell die Alte Musik betrifft. Aber in Tromsø, 160 km von Bardu entfernt, könne man Traverso studieren, berichtet sie. Es gibt Barockgeiger, -oboisten und -trompeter, nur bis jetzt – zumindest in Nord-Norwegen – noch keinen speziellen Kurs für Kantoren. Dafür aber Volksmusiker, die ihre Tradition mündlich weitergeben, und ›Felespiller‹ (Fidelspieler), die mit Skordatur möglicherweise noch aus der Barockzeit stammende Stücke spielen. Faszinierend! Im geistlichen Bereich existiert eine Gesangstradition, die mindestens ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Es gibt Gemeinden, die nur das Gesangbuch von 1699 (›Kingos Graduale‹) anerkennen und, wie Corinna Stamm sagt, »auf eine für uns sehr eigenartige Weise daraus singen«. Wenn man es aber mit historischen Beschreibungen vergleicht – sehr getragen, Schleifen zwischen den einzelnen Silben usw. –, dann könnte diese Gesangsweise sehr wohl 200 Jahre alt sein. Die Gemeinden, die nur das Gesangbuch von 1871 anerkennen, singen etwas schneller, sagt Stamm. Sie habe erlebt, wie ein Kantor, der sich u. a. sehr mit Bach beschäftigt, aber noch nie mit historischen Instrumenten und entsprechend geschulten Spielern gearbeitet hat, auf ihre Anregung hin »eine für mich ›hundertprozentige‹ historisch-aufführungspraktisch orientierte Bach‑Interpretation geleistet hat«. Ihr Fazit: »Norwegen hat spät begonnen, in der Breite eine Alte‑Musik‑Szene aufzubauen, aber die Alte Musik im eigentlichen Sinne war schon immer da.«

Informationen: en.olavsfestdagene.no und www.barokk.net


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