LEIDENSCHAFT IM ENGEN KORSETT

Augsburger Allgemeine · 17. April 2012 · Kultur regional
BIRDLAND Tango Nuevo: Von explosiv intensiven Improvisationen und präzisem Zusammenspiel

NEUBURG · Wenn das Bandoneon mit dem Rhythmus-Korsett von Gitarre und Piano spielt, daran zerrt, es umschmeichelt, lockt oder davonläuft, um sich wieder einholen zu lassen – dann wird der Tango Nuevo ein Abbild des Liebesspiels. Vom strengen Schritt umfangen, der Loop-weise voranprescht und stockt, verspricht die glühende Leidenschaft in der Musik jeden Moment zu bersten, doch ihre Contenance verliert sie nicht.

Walter Castro beherrschte dieses klingende Kokettieren meisterhaft. Der Bandoneonist mit den schnellen Fingern, der sich mit selbstbewusster Ungerührtheit in parlierenden Wechselnoten durch die Harmonien wand, den Luftzug bei Haltetönen dynamisch atemberaubend einsetzte und im finalen Resümieren bis zu Orgel-Grandezza anwuchs, gastierte am Sonntag im Neuburger Birdland zusammen mit dem Piazzolla- Pianisten und Tango-Nuevo-Koryphäe Pablo Ziegler und Quique Sinesi an der siebensaitigen spanischen Gitarre.

Von der ersten Nummer an sprang der Funke über. Der feurige, zwischen atemlos abgehackt und hingebend fließend changierende Puls, das virtuose rhythmische Duo-Unisono versus das flirtende Solieren des Dritten, die auf den Punkt akkurate Frage-Antwort- Verteilung der rhythmischen Partikel auf die Musiker, die unterschwellige Dauerspannung faszinierten, begeisterten – trotzdem der Abend Konzertcharakter hatte und nach den Soli kein „Szenenapplaus“ aufkam.

Die Nummern waren weitgehend durcharrangiert und sehr präzise zusammen gespielt, meist mit rhythmischem Aufbau als Start, die Improvisationen blieben begrenzt, dafür explosiv intensiv – wie könnte es beim Tango auch anders sein. Erst gegen Ende wurden die freien Strecken länger, das Gesamtbild – fast logisch, wegen der rhythmischen Gewichtung – funky, mit Boogie-Anklängen im Klavier.

Insgesamt blieb die Musik beim Tango Nuevo à la Pablo Ziegler mit starkem Faible für unverschleierte Sekunden und andere Reibungen, kantigen, auch zwei- und mehrtaktigen Schrittmodellen. Der Jazz kam im Gefolge, ebenso die harmonischen Verweise auf Strawinsky etwa oder Ravel.

Technische Meisterleistung mal drei

Jeder der drei Musiker ist technisch ein Meister: So deckungsgleich durch alle Synkopierungen hindurch zusammenzuspielen, ist gerade bei Gitarre und Piano horrend schwer – ebenso wie Pablo Zieglers Kunst, mit der Linken den kompliziert durchlöcherten Groove zu spielen, mit der rechten scheinbar ungerührt melodiös darüber hinwegzuschreiten.

Quique Sinesi, der durch die zusätzliche sonore Tiefe seiner Gitarre auch als Bassist fungierte, beherrschte die Kunst des wendig wandelnden Melodienwindens ebenfalls bewundernswert. Der ausverkaufte Jazzclub brodelte.

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