PRO & CONTRA KATZENSTEUER

31. März 2013
Bisher unveröffentlicht

Für die einen ist die Katze der Inbegriff von Eleganz und Schönheit. Für die anderen sind sie ein Riesenproblem. Katzen »machen tot, was da kreucht und fleucht«, sagt Prof. Dr. Peter Berthold von der Vogelwarte Radolfzell. Dazu gehören Mäuse, Frösche, Eidechsen, Schmetterlinge und Vögel: Bis zu 50 Millionen Vögel erlegen die Katzen laut Prof. Dr. Berthold pro Jahr in Deutschland und erjagen damit mehr als alle Vogeljäger im gesamten Mittelmeerraum.
Der renommierte Ornithologe bezieht sich dabei u.a. auf eine aktuelle Studie des »Migratory Bird Center« vom »Smithsonian Biology Institue« in Washington: Demnach seien Katzen für die Artenvielfalt eine größere Bedrohung als Flugzeuge, Autos, Pestizide oder Dünger. Dieses Resümee ist »so schauerlich«, befand Prof. Berthold, dass etwas unternommen werden muss. So forderte er jüngst die Einführung einer Katzensteuer und sorgte damit für hitzige Debatten.
Auch bei Wohnungsmiezen macht Prof. Berthold keine Ausnahme: »Eine Katzensteuer würde sicherlich sehr viel Abhilfe schaffen«, ist er überzeugt. Mit ungefähr 30 Euro pro Jahr und Katze könne man die herrenlosen Streuner kastrieren und eine weitere Vermehrung verhindern, auch neue Kapazitäten in den ohnehin überfüllten Tierheimen schaffen. Über einen Zeitraum von fünf Jahren käme man »auf ein vernünftiges Maß an Katzen«.

Rund acht Millionen Stubentiger jagen, fressen und schnurren derzeit hierzulande. Das Katzenproblem sei schon lang bekannt, aber ein heißes Eisen: Von Politik und Vogelschutzverbänden werde es totgeschwiegen, aus Angst vor Wähler- und Mitgliederverlusten, auch von den Wissenschaftlern sei »fast niemand« zu einem Interview bereit. »Ich habe mit der Katzenfrage kein Problem«, sagt Prof. Berthold, »und kann mich ihm als Emeritus auch ausführlich widmen.« Der alarmierende Rückgang des Vogelbestandes hat auch andere Gründe. »Die Feldflur wird von der Landwirtschaft immer mehr ausgeräumt, sodass wir demnächst keinen Quadratmeter ökologisch bedeutsamer Feldflur mehr haben werden.« Monokulturen (Stichwort Vermaisung) und Verbauung nehmen den Vögeln ihren Lebensraum, den sie dann in den Parks und Hausgärten zu finden hoffen.
Doch dort lauert Deutschlands Haustier Nummer eins, die Katze. »Hauskatzen sind Jäger«, sagt Gabriele Hallek, Vorsitzende des Augsburger »Freundeskreises Katze und Mensch e.V.«. Aber in der Katzensteuer-Debatte werde mit Kanonen auf Spatzen geschossen: »Die Studie bezieht sich meines Wissens auf USA und Neuseeland«, wendet sie ein: »Bei einer Insel ist die Population natürlich bedroht.« Anders sieht es in Deutschland aus. Hier gibt es von Natur aus Landraubtiere, etwa die seltene europäische Wildkatze, die derzeit bundesweit wieder angesiedelt wird. Warum wird das mit hohem Kostenaufwand versucht, wenn die Katze am Vogelschwund schuld ist, fragt Eduard Kappler, Redakteur von ATTiS e.V., Aktionsgemeinschaft der Tierversuchsgegner und Tierfreunde in Schwaben. Sie für den Vogelschwund allein verantwortlich zu machen, ist ihm zu pauschal: Hier werde gegen Katzen gehetzt, dabei lassen sich die Statistiken gar nicht belegen.
Der Vogelschwund habe drei Gründe: Schuld sei vor allem der Verlust des Lebensraumes. »81 Hektar werden täglich verbaut und versiegelt.« Dazu kommen Kunstdünger- und Pestizideinsatz, Monokulturen in Wald und Wiesen. Kranke Bäume, Nährboden für viele Arten, werden gefällt. Dann der Vogelfang in Mitteleuropa, der »unvorstellbare Ausmaße« habe: 100 Millionen Wildvögel werden laut dem »Komitee gegen den Vogelmord e.V.« jährlich legal erlegt, dazu kommen bis 32 Millionen illegal erjagte. Drittens verursacht der eingeschleppte Usutu-Virus nun auch in Deutschland Massensterben unter den Vögeln. Der Vogelschwund ist also ein »Umwelt-, Jagd- und Virusproblem«, betont Kappler: »Da breche ich eine Lanze für die Katzen.« »Leider wird dadurch vielen Tierquälern Vorschub geleistet«, befürchtet Gabriele Hallek.
Eine Besteuerung habe wohl eher negative Konsequenzen: Es werden mehr ausgesetzt, das bedeutet noch mehr Katzenelend, noch mehr Vogelmord. Denn Streunerkatzen müssen fangen. Satte Katzen jagen weniger. Die Steuer treffe auch Mittellose: »Es gibt so viele einsame Menschen, für sie ist die Wohnungskatze der letzte Halt«, so Hallek: Ihnen muss man nicht auch noch das Geld aus der Tasche ziehen. Wie will man die Erhebung verwirklichen, wendet Eduard Kappler ein. Die Kastrationspflicht halten beide für sinnvoll. Schließlich vermehren sich die Streuner »dramatisch«, die Spenden an die Vereine gehen zurück. »Städte und Gemeinden müssen aber mit anpacken«, betont Hallek: »Das nur allein mit der Steuer anzugehen finde ich ein bisschen unfair.« Alle müssen an einem Strang ziehen. »Dann bin ich auch bereit, mein Scherflein beizutragen.« 31.3.2013

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