HAUTNAH DABEI: VOM CHARME EINER GENERALPROBE

Toccata · Alte Musik aktuell | 2010
BR-Klangkörper proben mit Ton Koopman Bachs Johannespassion

Sie werfen ein Licht auf und hinter die Bühne: Einerseits finden Generalproben »im Ernst« statt; gleichzeitig vermitteln Akteure in Zivilkleidung oder konzentriert blickende Regisseure in den Zuschauerreihen das Gefühl, hautnah im Backstage-Bereich des Kunstbetriebs dabei zu sein. Das macht diese inoffiziellen Premieren, diese letzten Durchläufe mit Korrigiermöglichkeit unter »Feinschmeckern« so beliebt – nicht zuletzt, weil man dann vorab über die Inszenierung Bescheid weiß. Außerdem sind die Tickets (falls überhaupt zu haben) deutlich günstiger. Dennoch: Das rege Interesse an diesen »Previews« rechnet sich. Das erkannte auch der Bayerische Rundfunk und schuf mit seinen öffentlichen Generalproben eine beliebte Münchner Institution: Die Warteschlange vor den Kassen im Vestibül des Herkulessaals, in dem die Generalprobe von Bachs Johannespassion mit dem hauseigenen Chor und Symphonieorchester am Tag vor der ersten »richtigen« Aufführung stattfand, reichte noch kurz vor Beginn bis auf die Straße und sprach eine deutliche Sprache. Die Besetzungsliste der Solisten war entsprechend beeindruckend. Neben Alte-Musik-Pionier Ton Koopman am Dirigenten- und Orgelpult (Rezitative), gern gesehener und gehörter Gastdirigent der BR-Klangkörper, war die Sängerriege mit Johannette Zomer, Andreas Scholl, Mark Padmore (Evangelist und Arien), Mathias Hausmann (Paulus) und Klaus Mertens (Christus und Arien) luxuriös bestückt. Lautenist Joachim Held und Gambistin Friederike Heumann bildeten mit Andreas Muck und Rainhard Lutter an den (noch nicht intonationssicher gehandhabten) Violas d'amore die renommierte Originalklang-Ecke, die in der Tenor-Arie »Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken« allein zusammen mit Orgel (Max Hanft) und Cello (Sebastian Klinger) agierte: Welch ein Lautstärke- und klanglicher Kontrast zum (reduzierten) BR-Symphonieorchester, das seinerseits zwar äußerst gedämpft, mit sehr sparsamem und bewusstem Vibrato, wunderbar dünnhäutigem Erscheinungsbild und wie in einem Atemzug mit den Sängern begleitete. Letzteres galt besonders für das Continuo, das mit der Orgel oft bis zur Ununterscheidbarkeit verschmolz. Überhaupt sangen und spielten Chor und Orchester auf bewundernswertem Niveau: Die Präzision war makellos, die Intonation fast auch, die dynamischen Nuancen, Übergänge, Klangdosierung von erlesener Qualität. Trotzdem fehlte an diesem Nachmittag im Orchester das bildnerische Element, wie es etwa in »der Vorhang im Tempel zerriss« endlich fulminant in Erscheinung trat. Da war der Chor, mit dem Koopman seit Tagen geprobt hatte, pointierter: Als spannungsreich gestaltendes Ensemble wunderbar abgemischt, besaß er ebenfalls eine große dynamische und farbliche Palette, ließ im Turbae-Wogen die markanten Einsätze wie Schaumkronen auftauchen, behielt auch im Fugen-Dickicht die Klarheit bei. Hier gesellten sich nach und nach zu spät Gekommene hinzu – ebenso ein Indiz für die »semi-seriöse« Veranstaltung Generalprobe wie die eiligen Notizen Ton Koopmans zwischen Dirigat und Orgelspiel, ein mal zu hektisches Umblättern der Partitur, die bunte Ziviltracht der Ausführenden, die stumme Verständigung mancher Instrumentalisten oder die hörbare Stimm-Ökonomie des fast knabenhaften Soprans von Johannette Zomer, die wie der prachtvolle Bariton Mathias Hausmann im hinteren Linksaußen platziert war; und die ihre nachmals von Bach immer wieder zitierte Arie »Ich folge dir gleichfalls« mit deutlichem Ritardando endigte, das in den Aufführungen durch ein sanftes Verlangsamen an vorheriger Stelle gemildert wurde. Auch Andreas Scholl, der sich die Zeit zwischen seinen Arien lesend vertrieb, sang zuerst im Orchester von der Originalklang-Ecke aus, das berückend schmerzlichschön gelungene »Es ist vollbracht« zum Glück in der vordersten Reihe: neben Klaus Mertens, souveräner Luxus-Bass mit gebündelt warmer Strahlkraft und lukrativen Mut zur zeitlos ruhigen, fast introvertierten Intensität: »Es ist vollbracht« wurde durch ein zartes Anschwellen an diesem Nachmittag zum eindringlich gestalteten letzten Atemzug des Sterbenden. Mark Padmore signalisierte zwar mit seiner bequemen Pose Probenhaltung, verriet trotz stimmlicher Zurückhaltung den Weltklassetenor, der seine enorme Partie ohne hörbare Mühe, mit idealer Noblesse und großem Atem und im Konzert mit großer lyrischer Fülle, die Erzählstrecken in wunderbar natürlichem Fluss sang. Nach »Mein Herz, in dem die ganze Welt« gelang hier der instrumentale Übergang noch nicht vollkommen organisch – wie manche Choreinsätze, die Ton Koopman unter anderem nach kurzer Verschnaufpause im Anschluss an den Durchlauf verfeinerte. Auch eine Besetzung der Nebenrollen wurde ausgetauscht. Zu dem Zeitpunkt saßen nur noch vereinzelte Hörer in den Sitzreihen. Doch war selbst im beinahe ausverkauften, beständig erhellten Saal während der Generalprobe nicht mehr zu hören gewesen: Von der ersten Minute an herrschte andächtige Aufmerksamkeit. Auch die Interpreten wurden von Bachs Musik gebannt, entwickelten konzertantes Engagement: Lange hielt Ton Koopman nach dem Verklingen des letzten Tons seine Hände erhoben und der Saal hielt den Atem an.

Zurück