IN PINK GEGEN DEN BÜRGERMEISTER

Augsburger Allgemeine · 28. November 2013 · Lokales

Insgeheim gab man Bürgermeister Hermann Weber recht: Cindy aus Marzahn passt zum Totensonntag so wenig wie Don Camillo zu Peppone. Zwar suhlt sich die Berliner Comedy-Ulknudel für Pubertierende liebend gern in Regionen unterhalb der Gürtellinie, aber unter die Erde reicht sie nur selten, und wenn, dann nur zum Spaß. »Cindy aus Marzahn ist doch viel mehr an der Belustigung der Lebenden interessiert«, meinte Bürgermeister Weber und verbot das Augsburger Gastspiel in der Schwabenhalle am vergangenen stillen Feiertag, ein Entschluss, der bundesweit Wellen schlug.
Cindys Retourkutsche erfolgte zum Ausweichtermin vorgestern wie zu erwarten mit genüsslicher Zähigkeit die ganzen zwei Stunden »Pink is Beautiful«-Programm vor opulent-antimärchenhafter Kulisse in Augenkrampf-Schweinchenrosa hindurch. Die nicht gerade untergewichtige Selbstdarstellerin mit dem figurfeindlich pinken Zuckerguss-Schlabberoutfit ließ keine Gelegenheit aus, den Bürgermeister als Buhmann des Abends abzuwatschen. Schon vor Beginn zeigten die beiden Monitore an der Bühnenseite Dutzende Zeitungsartikel zum Aufregerthema, und als Einstieg ertönte das Höllenglocken-Intro aus dem AC/DC-Hit, gemildert durch gelangweilt-bassiges Froschquaken. Nach kurzer Soundexplosion machten sich kitschige Balladenklänge breit: Bahn frei für Cindys Auftritt.
»Ist heute Totendienstag«, frägt die wie ein Rockstar bejubelte Cindy aus Marzahn – letzteres übrigens ein Berliner Stadtteil und nicht der Drache aus »Jim Knopf« – und bedankt sich beim Publikum mit Freigetränken und Lutscher fürs Dasein, posiert extra für den Bürgermeister als laszive Unschuld, die Brustnippel walkend, vor der Kamera, schickt noch einen schönen Gruß hinterher. Er solle »sich überzeugen, was ich mache, damit er mitreden kann«, schmollt die Komikerin und verkündet: »Ich geh in die Politik und werde Bürgermeister.« Ein Parteiprogramm gibt es schon, soziale Gerechtigkeit zum Beispiel wäre schön und harte Arbeit müsse sich wieder lohnen, singt sie zum Schluss, aber Cindy aus Marzahn kann nicht von der Bühne lassen. »Wer steht denn dann oben – Angela Merkel?« Schließlich versteht sie ihr Metier wirklich, wenn auch das Wie Geschmackssache ist. Trotz Hallengröße gibt es regen Kontakt mit dem Diademe tragenden Publikum, eine familiäre Atmosphäre entsteht, man darf Cindy sogar SMS schreiben, die sie nach der Pause schlagfertig kommentiert. Lieblingsthema aber ist und bleibt der Sex mit allem was dazugehört.
»Darf man eigentlich Geschlechtsteil in Augsburger sagen«, fragt sie anfangs, denn schließlich ist man im stockkonservativen Bayrisch-Schwaben und »Fotze oder Fötzle« ist nun die Frage. »Es wird noch schlimmer«, verspricht sie und behält Recht: »Ihr seid doch nicht hier, um Shakespeare zu hören.« Trotzdem bleibt sie politisch korrekt: »Kinder sind toll«, stellt sie fest und schickt Leute mit anderer Meinung nicht dahin, wo der Pfeffer wächst, sondern, natürlich, »zum Bürgermeister«. Ja, der Abend ist lang. Aber den meisten gefällt’s. Cindy aus Marzahn ist eine Kultfigur mit Volksnähe, die auch ihre nachdenklichen Augenblicke hat: Man müsse ganz unten gewesen sein, um das Lachen wieder zu schätzen, sagt sie ernst, greift aber schon im nächsten Moment lachend zum aufblasbaren Dildo. In Pink natürlich.

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