ZUR WALLFAHRT REGEN ALS SEGEN

Originalfassung · 16. August 2015 · Foto: Zoepf
Und wieder hatte das Wetter die Abendspielleitung. »In dreißig Jahren hat es noch nie geregnet«, sagte Prälat Dr. Wilhelm Imkamp zu dem Meer an Regenschirmen vor dem Maria Vesperbild in der Mariengrotte: »Ihre Anwesenheit zählt also doppelt«, fügte er hinzu. Auch unter den Wallfahrern, die mit dem Schirm in der einen, das Wallfahrtskerzen in der anderen Hand zur Grotte pilgerten, konnte sich kaum jemand an ein vergleichbares Wetter am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel erinnern. Heuer fand somit also die Regen-Premiere statt, besser gesagt die Wiederaufnahme nach drei Jahrzehnten Pause. Und trotz eiligen Umzugs des Gottesdienstes in die Wallfahrtskirche gelang sie mit Bravour.

Wallfahrt im Regen – Foto: Zoepf Auch die Besucherscharen hatten sich vom Dauerregen, der immerhin vor und dann erst wieder nach den Feierlichkeiten zu voller Stärke aufdrehte, nicht von ihrer jährlichen Marienwallfahrt und ihrer guten Laune abschrecken lassen. Im Gegenteil stimmten sie noch nach dem Abschlusssegen vor der Grotte tapfer Marienlieder an. Die freundlichen Verkäufer hatten sich unter die beiden Brückenbögen auf dem Weg gerettet und boten dort ihre Wallfahrtlichter feil. Denn das große Wallfahrts-Ereignis nach dem Pontifikalamt, die Lichterprozession zur Mariengrotte, bezauberte und einte die Besucher trotz Ungemütlichkeit zur feierlichen Andacht.

Der nasse Wald in der Dämmerung, das satte Grün, die Regentropfengeräusche auf eine Unmenge Blätter umrahmte außerdem mit einer ganz besonderen Atmosphäre. In Wahrheit war die abends herausplatzende Nässe eine Wohltat, genau das, was die Natur nach der langen Hitze am dringendsten brauchte – im Gegensatz zum durchwachsenen Sommer im Vorjahr, als sich nach den Dauergüssen untertags der blaue Himmel eine Stunde vor Beginn der Feierlichkeiten wundersam auftat. Schließlich haben wir heute den Herren um seinen Segen von oben gebeten „und genau das hat er getan“, sagte Prälat Dr. Imkamp lächelnd. Dabei hatten die meisten mit einem Pontifikalamt unter blauem Himmel gerechnet. Auf einigen der hastig beiseite gestellten Holzbänken klebten noch die durchnässten Namenszettel für die Ehrengäste, die vereinzelt aufgestellten Stühle mit den kleinen Pfützen auf den Sitzflächen wirkten einsam und unter dem blumengeschmückten Baldachin der Rednertribüne mit Pult und Mikrofon drängten sich statt des zelebrierenden Kardinal Monsengwo die Blaskapelle der Ziemetshausener Musikvereinigung, damit die Instrumententrichter nicht zum Wasserauffangbecken und die Blasmusik nicht zum Blubbern würden.

Die Musiker hatten zuvor zu tun gehabt, um sich aus der Kirche durch die stockend Herausströmenden nach vorne zu kämpfen: »Ohne uns geht’s net weiter«, sagte schließlich der Trompeter. Das half. Bereitwillig ließ man ihnen den Vortritt und die Zeremonie vor der Mariengrotte konnte beginnen. Die Gläubigen waren mit Herz und Stimme dabei. Die Papst-Hymne tönte einhellig stimmgewaltig und seitens der Kapelle eine Spur getragener, als es die nicht überdachten Besucher eigentlich wollten. Bereits in der Wallfahrtskirche hatten die Antwortsätze, das Amen der Gemeinde mit eindrucksvoller Unisono-Kraft geklungen. Auch die Gemeindegesänge, etwa das „Gegrüßet seist du Königin“ oder der Rosenkranz, der dem feierlichen Glockenläuten zum Gottesdienstbeginn vorausging, waren mit hörbarer Inbrunst gesungen und gebetet.

Die wunderschöne, aber nicht allzu große Rokoko-Wallfahrtskirche von Maria Vesperbild, die 1756, im Geburtsjahr von Wolfgang Amadé Mozart geweiht wurde, barst an diesem Samstagabend schier vor Besuchern, darunter viele in Tracht kamen. In den Bänken, Gängen, auf den Treppen und vor den Türen, überall drängten sich die Wallfahrer. Auf den beiden Emporen verteilten sich zudem die Blaskapelle mit Dirigent Andreas Reiter und der Wallfahrtschor Maria Vesperbild mit seinem Chorleiter Pater Gerhard Löffler. Dank Übertragung konnten auch die draußen Stehenden am Geschehen im Gotteshaus teilnehmen.

In den vorderen Reihen saßen wie jedes Jahr zahlreiche Ehrengäste, etwa Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die mit schwarzem Spitzenschleier zur Kommunion vor den Altar trat, die Brüder und Schwestern des päpstlichen Ritterordens des Heiligen Grabes mit wallenden cremefarbenen Mänteln und spitzenbesetzten schwarzen Kleidern, der Bezirksvorsitzende der Jungen Union Schwaben und Landesvorsitzender der Jungen Union Bayern, Landtagsabgeordneter Dr. Hans Reichhart und seine Gattin, der Ziemetshausener Bürgermeister Anton Birle und Domkapitular Monsignore Winfried Auel aus Köln. Flankiert wurde der Altarraum von verschiedenen Delegationen, zum Beispiel vom Ziemetshausener Wallfahrerverein, von katholischen Studentenverbindungen aus Augsburg oder einem Trio des „Vereins der ehemaligen königlich bayerischen Chevauleger-Regiments“. Die bunten Fahnen, davon welche in schützenden Regenhüllen staken, die pittoresken Kostüme mit Degen, Käppchen oder wallendem Helmbusch ergaben ein prachtvolles Bild, das aus vergangenen Zeiten wiederauferstanden schien. Auch hinter dem Lettner, der zur Gabenbereitung verschlossen wurde, eröffnete sich mit den kostbaren Gewändern, den Mitren, Biretts und Pileoli der zelebrierenden Geistlichen und Ministranten, mit dem illuminierten Marienaltar und den selbst noch in schwindelnder Höhe angebrachten Liliengebinden eine opulente Szene.

Dazu summierten sich der festliche Weihrauchgeruch, das helle Klingeln der Schellen und die herrliche Stuckkunst der Rokokokirche. Ein Sattsehen war nicht möglich. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aber stand Kardinal Laurent Monsengwo Pasinya, Erzbischof von Kinshasa in der Republik Kongo und seit 2013 einer der acht Berater des Papstes Franziskus zur Reform der Kurie. »Als erste empfing Maria von Christus die Herrlichkeit, die uns allen verheißen ist«, kündete der 76-Jährige in seiner Predigt: Was mit ihr geschah, werde ebenso mit uns allen eines Tages geschehen. Die Muttergottes habe mit Dankbarkeit und Demut auf die Verkündigung reagiert »und von daher hat sie ihren Platz im Himmel wegen ihres Glaubens verdient. Gott will und fördert das Leben jedes einzelnen Menschen, der sich ihm zuwendet. Unser Leben und das Hochfest Mariä lassen sich mit der nunmehrigen Erntereife des im Frühjahr Gesäten in der Natur vergleichen. Denn »Maria hat ihr ganzes Vertrauen auf Gott gesetzt.« Wir dürfen uns unter ihren Schutz stellen. Aber »auch wir können andere unter unseren Schutz nehmen«, wandte Kardinal Monsengwo ein und gedachte der Verfolgten und Flüchtigen, der Armen und Notleidenden. »Lassen wir uns ganz wie Maria auf Gott ein, der für alle Menschen und für alle Völker der Erde da ist«, schloss er. Mit der Einladung des afrikanischen Kardinals setzte die Wallfahrtsdirektion nach eigener Aussage auch ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit. Tatsächlich fügten sich im Gottesdienst harmonisch zwei Welten in einem Sinne zusammen, als das hymnisch schreitende Kirchenlied »Großer Gott, wir loben dich« nahtlos auf den wunderbar schönen, ruhig rhythmischen, die Ziel-Töne anschleifenden Gesang des Kardinals vor der Wandlung folgte.

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FREUDE SMOOTHER GÖTTERFUNKEN

Augsburger Allgemeine Zeitung · 13. September 2014
Wäre die Musik nicht so laut gewesen, hätte man sie gehört. Das viertägige 5. Augsburger „Smooth Jazz Festival“ brach seine bisherigen Dezibel-Rekorde und drang Beat-weise bis in die Magengrube vor. Zu hören waren in den Live-Gigs vornehmlich der Groove und dröhnender Sound. Smooth ist so was nicht. Und schade war es auch, denn Freitagabend-Stargast Candy Dulfer verliert sicher nichts an Klasse, wenn die Lautstärke gedrosselt würde und man genauer zuhören könnte.
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MUSIK STATT CHAOS – SCHOSTAKOWITSCHS »LADY MACBETH AUF DEM LANDE« IN OSLO

Der Dorsch war allgegenwärtig. Auf den kindsgroßen, staunend glotzenden toten Fischen wurde geschlafen, gegessen, geliebt und gemordet, mit ihnen geprügelt, genotzüchtigt, onaniert: In der Osloer Inszenierung von Schostakowitschs „Lady MacBeth auf dem Lande“ alias „Lady MacBeth von Mzensk“ entluden sich übergärige Libido und ihre dunkle Kehrseite die Aggression auf passend saftig-glibbrigen Fischkörperimitaten.

nmz online · 14. September 2014
Zum zweiten Mal eröffnete eine Oper des 20. Jahrhunderts eine Spielzeit der „Norske Opera & Ballett“, die 2008 gegründet wurde und sich innerhalb kurzer Zeit mit hohem Niveau und großen Namen in den internationalen Rang katapultierte. So gastierte etwa am Abend vor der Spielzeitpremiere Sopranistin Hui He als Cio-Cio-San und interessanterweise ist Puccinis Madame Butterfly von Schostakowitschs Lady MacBeth nicht weit entfernt: Beide Frauen sind äußerst liebesbegabt, Virtuosinnen in der Kunst völliger Hingabe – leider an den Falschen – und bereit, für die Erfüllung zu morden. Im Falle der unbegatteten Kaufmannsgattin Katerina Lvovna Izmajlova waren es Schwiegervater Boris Timofeevich Izmajlov und der impotente Ehemann Zinovij, die ihrer Sehnsucht nach barrierefreier Wollust mit dem strotzenden Knecht Sergej im Wege standen und daher umgebracht wurden – aber wie bei Shakespeare die Mörderin aus dem Grabe heraus verfolgten, der Schwäher dabei immer noch mit Dorschen beladen, Grund und Boden seines Kaufmannwohlstandes.
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IN PINK GEGEN DEN BÜRGERMEISTER

Augsburger Allgemeine · 28. November 2013 · Lokales

Insgeheim gab man Bürgermeister Hermann Weber recht: Cindy aus Marzahn passt zum Totensonntag so wenig wie Don Camillo zu Peppone. Zwar suhlt sich die Berliner Comedy-Ulknudel für Pubertierende liebend gern in Regionen unterhalb der Gürtellinie, aber unter die Erde reicht sie nur selten, und wenn, dann nur zum Spaß. »Cindy aus Marzahn ist doch viel mehr an der Belustigung der Lebenden interessiert«, meinte Bürgermeister Weber und verbot das Augsburger Gastspiel in der Schwabenhalle am vergangenen stillen Feiertag, ein Entschluss, der bundesweit Wellen schlug. Gesamten Artikel lesen





AM FLÜGEL ÜBERS MEER

Augsburger Allgemeine | 22. Juni 2013 | Feuilleton/Lokales

Als ich beim Aussteigen aus der Münchner S-Bahn von drängelnden Einsteigern fast überrannt werde, stellt sich mir das Gefühl ein, nach Hause gekommen zu sein. Da erst wird mir bewusst, wie höflich der Ton an Bord stets gewesen ist. Unser Lebensraum war auf 122 Meter Länge und 18 Meter Breite begrenzt, klare Regeln, ein Common Sense im Miteinander waren für die Crew an Bord dein Muss. Denn außerhalb dieser »vier Wände« gab es nur Wellen, Gischt, endlos Wasser. Zurück lagen zwei Wochen auf einer anderen Welt, als Bordpianist der 125-köpfigen Mannschaft auf dem Luxus-Expeditionsschiff MS Hanseatic mit 184 Gästen von Marokko bis Bremerhaven. Gesamten Artikel lesen




PRO & CONTRA KATZENSTEUER

31. März 2013
Bisher unveröffentlicht

Für die einen ist die Katze der Inbegriff von Eleganz und Schönheit. Für die anderen sind sie ein Riesenproblem. Katzen »machen tot, was da kreucht und fleucht«, sagt Prof. Dr. Peter Berthold von der Vogelwarte Radolfzell. Dazu gehören Mäuse, Frösche, Eidechsen, Schmetterlinge und Vögel: Bis zu 50 Millionen Vögel erlegen die Katzen laut Prof. Dr. Berthold pro Jahr in Deutschland und erjagen damit mehr als alle Vogeljäger im gesamten Mittelmeerraum. Gesamten Artikel lesen





SITZBALLETT MIT ORCHESTERKLANG

Augsburger Allgemeine | 29. Januar 2013 | Lokales
Klavier-Duo Silver-Garburg

Ihr Gastspiel war eine audiovisuelle Pantomime. Tänzerisch motivierte das Klavier-Duo Silver-Garburg sein Fingerspiel aus dem gesamten Körper und unterstrich mimisch, kaum zu unterscheiden war manchmal, wem welche Hand oder Stimme gehörte und Klang wie Bewegung summierten sich zu einer faszinierenden Intensität. Gesamten Artikel lesen





AUFHOLEN IN SIEBENMEILENSTIEFELN

Concerto Nr. 249 · Panorama
Alte Musik in Norwegen

Norwegens Kulturleben ist ein wenig außer Puste. Während die Musik im übrigen Skandinavien pulsiert, liegt Norwegen zurück, beeilt sich aber aufzuholen, und zwar von Anfang an auf Weltniveau. »Das gründet auf historischen Gegebenheiten«, weiß Halfdan Bleken, Musiker und Journalist (ein Kurzinterview mit ihm ist unter www.concerto-verlag zu finden). Schon seit 1380 kam die norwegische Kultur nicht mehr recht zur Entfaltung.

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TSCHAIKOWSKYS »FATUM«

Augsburger Allgemeine Zeitung · Nr. 256 · Feuilleton 13
Mittwoch, 6. November 2013

120. Todestag · Der Komponist soll schwul gewesen sein? In Russland wird das von offizieller Seite geleugnet

Augsburg Düstere Worte gingen der Uraufführung von Peter Iljitsch Tschaikowskys sinfonischer Fantasie »Fatum« voraus: »Weißt Du, was der greise Melchisedek gesprochen hat, als er vom Leben Abschied nehmend, im Sterben lag? Als Sklave wird der Mensch geboren, als Sklave sinkt er auch ins Grab …

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TORD GUSTAVSEN QUARTET

Jazzzeitung | 2012
»The Well«; ECM 2237 2785896

Dem Quartett steht jede Himmelsrichtung offen: Zwei geben den Rhythmus, zwei »stimulation from working with the materials from different angles«, so Tord Gustavsen. Nach Experimenten vom Duo bis Quintett hat sich die Besetzung um den norwegischen Pianisten auf vier eingependelt. Gesamten Artikel lesen





VERLORENE ZEIT

DIE WOCHE · Nr. 50 · 09. Dezember 2012
Die syrische Christin Sara M. wartete in Deutschland 13 Jahre lang auf ihre Anerkennung. Nun half ihr der Krieg

Sie setzte alles auf eine Karte. Die Zukunft dankte es ihr nicht. 1999, ein Jahr vor der Machtübernahme des Diktators Baschar al-Assad, floh Sara M. aus Syrien. Sie verließ Haus, Familie, Arbeit und begab sich auf eine 13-jährige Odyssee. Zunächst brachte ein Schlepper Sara für 4000 Dollar nach Ägypten, dann ging es weiter nach Spanien, Jordanien, wieder nach Ägypten, Deutschland, Schweden und wieder Deutschland. Nach einer zermürbenden Wartezeit in bayerischen Asylbewerber- und Übergangsheimen erhielt sie im Frühling 2012 eine befristete Aufenthaltserlaubnis in Deutschland.

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LEIDENSCHAFT IM ENGEN KORSETT

Augsburger Allgemeine · 17. April 2012 · Kultur regional
BIRDLAND Tango Nuevo: Von explosiv intensiven Improvisationen und präzisem Zusammenspiel

NEUBURG · Wenn das Bandoneon mit dem Rhythmus-Korsett von Gitarre und Piano spielt, daran zerrt, es umschmeichelt, lockt oder davonläuft, um sich wieder einholen zu lassen – dann wird der Tango Nuevo ein Abbild des Liebesspiels. Vom strengen Schritt umfangen, der Loop-weise voranprescht und stockt, verspricht die glühende Leidenschaft in der Musik jeden Moment zu bersten, doch ihre Contenance verliert sie nicht.

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HAUTNAH DABEI: VOM CHARME EINER GENERALPROBE

Toccata · Alte Musik aktuell | 2010
BR-Klangkörper proben mit Ton Koopman Bachs Johannespassion

Sie werfen ein Licht auf und hinter die Bühne: Einerseits finden Generalproben »im Ernst« statt; gleichzeitig vermitteln Akteure in Zivilkleidung oder konzentriert blickende Regisseure in den Zuschauerreihen das Gefühl, hautnah im Backstage-Bereich des Kunstbetriebs dabei zu sein. Das macht diese inoffiziellen Premieren, diese letzten Durchläufe mit Korrigiermöglichkeit unter »Feinschmeckern« so beliebt … Gesamten Artikel lesen